Besuch in der Unterwelt Xibalba

/// Raxruha, Alta Verapaz, Guatemala /// Ein Höhlensystem, das nur teilweise erforscht ist. Unterirdische Flüsse. Kultstätten, die seit Tausenden von Jahren aufgesucht werden – das sind die Cuevas de Candelaria

Die Cuevas de Candelaria sind das größte Höhlensystem Lateinamerikas. Es ist insgesamt 32km lang und hat 9 Abschnitte, in denen der Fluss Candelaria mal oberirdisch und mal unterirdisch fließt. Das macht die Höhlen für die Mayas zu einem heiligen Platz, da sie hier den Eingang zur Unterwelt Xibalba vermuten und die „Neun“ für sie eine heilige Zahl ist. So sollen sich die Beschreibungen von Xibalba im heiligen Buch Popol Vuh der Maya auf exakt diese Gegend beziehen.

Die verschiedenen Höhlenabschnitte haben zudem unterschiedliche Zugänge und Besitzer, was in der Vergangenheit durchaus schon zu heftigen Revierstreitigkeiten geführt hat.

Wir hatten uns für die Höhlen „El Mico“ und „Venado seco“ entschieden. Sie sollten die spektakulärsten begehbaren Abschnitte sein. Im Vorfeld hatten wir eine umfangreiche, jedoch nicht zielführende Kommunikation mit einem Guide aus dem Qeqchi-Dorf Mucbilha, das als Community die Touren organisiert und durchführt.

Aber nun waren wir einmal hier nach Raxruha gekommen und wollten auch alles sehen.

Mit Hilfe unseres freundlichen Hotel-Managers Cesar hatten wir zumindest eine Möglichkeit gefunden, morgens nach Mucbilha zu kommen.

Wir waren am nächsten Morgen pünktlich an der Haltestelle, allerdings hielt der avisierte Pickup nicht an. Okay, also nahmen wir den nächsten Minibus Richtung Chisec bis zum Abzweig nach Mucbilha und liefen dann zwei Kilometer auf dem Weg durch den morgendlichen Dschungel bis ins Dorf. Der Guide im Besucherzentrum war trotz aller Telefonate von unserem Besuch und von unserem Plan überrascht. Schnell lief er, um den Guide für „El Mico“ zu suchen. Wir waren seit Monaten die ersten Touristen, die “ El Mico“ besuchen wollten. Aber kein Problem. Marcellino, der Guide für „El Mico“, war schnell gefunden und gemeinsam gingen wir los.

Zunächst liefen wir über einen breiten Weg zum Eingang der Höhle „Venado seco“. Sie ist gut zugänglich und wird auch öfter von einheimischen Touristen besucht. Nachdem wir uns durch einen relativ schmalen Eingangsspalt gezwängt hatten und über einige Felsschrägen eher gerutscht als geklettert waren, standen wir in der ersten großen Halle. Aus dieser strömt der Fluss ins Freie.

Eingang zur Venado Secco, Cuevas de Candelaria, Mucbilha, , Raxruha, Alta Verapaz, Guatemala

Eingang zur Venado Seco, Cuevas de Candelaria, Mucbilha, , Raxruha, Alta Verapaz, Guatemala

Wir stießen weiter in die Höhle vor. Enge Kammern und Gänge wechselten sich mit ab riesigen Hallen, bis zu 200 Meter lang und gestützt durch gewaltige Stalagnaten. Durch Öffnungen in der Decke fiel Tageslicht ein und schuf eine unwirkliche Stimmung. Sicher führte uns unser Guide durch die Dunkelheit, die nur punktuell durch unsere Stirnlampen erhellt wurde. Ohne ihn hätten wir längst die Orientierung verloren.

spektakuläre Formationen tief im Bauch der Erde, Venado Seco, Cuevas de Candelaria, Mucbilha, , Raxruha, Alta Verapaz, Guatemala

spektakuläre Formationen tief im Bauch der Erde, Venado Seco, Cuevas de Candelaria, Mucbilha, , Raxruha, Alta Verapaz, Guatemala

Nach einer kurzen Verschnaufpause im Dorf ging es weiter zu „El Mico“. Dieser spektakuläre Höhlenabschnitt besitzt die größte und höchste Halle. An ihrer höchsten Stelle hat sie eine lichte Höhe von ca. 70 Metern. Schon der Weg dorthin war das reinste Abenteuer. Die Brücke zum Höhlenzugang war vom letzten Hochwasser vor zwei Jahren weggespült worden. Durch den Fluss wollten wir nicht mit unseren Bergschuhen und dem Fotoequipment. Also mussten wir über die steile Wand oberhalb der Höhlenöffnung auf die andere Seite des Flusses klettern.

Weg zur Cueva El Mico führt durch dichten Dschungel, Cuevas de Candelaria, Mucbilha, , Raxruha, Alta Verapaz, Guatemala

Weg zur Cueva El Mico führt durch dichten Dschungel, Cuevas de Candelaria, Mucbilha, , Raxruha, Alta Verapaz, Guatemala

Immer wieder rutschen wir auf den schmalen und schlammigen Pfaden aus. Mehrfach mussten wir uns um vorspringende Felsnasen schlängeln, sehr darauf bedacht, nicht abzustürzen. Wohlbehalten erreichten wir schließlich den Eingang. Schon nach weiteren kleinen Klettereien waren wir im Inneren der Höhle angekommen. Die Dunkelheit und die Stille waren unbeschreiblich. Ein leises Rauschen vom Fluss kam aus der Dunkelheit.

der Fluss zur Unterwelt Xibalba, El Mico, Cuevas de Candelaria, Mucbilha, , Raxruha, Alta Verapaz, Guatemala

der Fluss zur Unterwelt Xibalba, El Mico, Cuevas de Candelaria, Mucbilha, , Raxruha, Alta Verapaz, Guatemala

Manchmal hörten wir ein kaum wahrnehmbares Geräusch, verursacht von den Flügeln der durch unsere Stirnlampen aufgescheuchten Fledermäuse. Sonst nichts. Eine Fledermaus zischte sehr dicht an meinem Kopf vorbei, sie war bestimmt noch schlaftrunken. Selbst die großen Höhlenspinnen glaubten nicht an Gefahr und ließen sich gut fotografieren.

Höhlenbewohner, Venado Seco, Cuevas de Candelaria, Mucbilha, , Raxruha, Alta Verapaz, Guatemala

Höhlenbewohner, Venado Seco, Cuevas de Candelaria, Mucbilha, , Raxruha, Alta Verapaz, Guatemala

Gute vier Stunden liefen, rutschten und kletterten wir mit unseren zwei Guides der Community durch die Höhlen “ El Mico“ und  „Venado seco“.

Hungrig und auch ein wenig müde kamen wir wieder im Besucherzentrum an. Unser Mittag war schon fertig – Suppe und Hühnchen, traditionell mit Bohnen, Reis und Tortillas.

Während des Essens erzählten uns die Guides von den Veränderungen, mit denen sich ihr Dorf konfrontiert sieht. Der Höhlenfluss ist die Lebensader der Community, weil das Wasser sehr sauber ist und so auch zum Trinken und Kochen genommen werden kann. Umso mehr haben die Bewohner nun Sorge, dass ihr Fluss von den Pestiziden und Düngemitteln der Plantagen mit den „Afrikanischen Palmen“ verseucht wird. Diese Plantagen zur Palmölgewinnung entstehen hier ringsherum in unglaublicher Geschwindigkeit auf riesigen Flächen, indem einfach der Dschungel abgeholzt wird. Im letzten Jahr gab es dadurch schon einen Umweltskandal. Etwa 80 km des Flusses waren kontaminiert und führten zu einem großen Fischsterben. Proteste gibt es nur im Geheimen. Wir hatten gehört, dass die letzten zwei Leute, die sich an die Öffentlichkeit gewandt hatten, um diese Zerstörung des gesamten Ökosystems aufzuhalten, einfach ermordet wurden. Das macht Angst.

Wir beeilten uns, denn Caesar wartete schon mit seinem Pickup, um uns in „seine“ Höhlen zu führen. Diese Höhlen sind von den Formen und Farben der Stalaktiten völlig unterschiedlich im Vergleich zu den Höhlen vom Vormittag. Caesar zeigte uns Orte, wo die Mayas noch heute ihre Zeremonien durchführen.

am Eingang, Los Nacimientos, Cuevas de Candelaria, Raxruha, Alta Verapaz, Guatemala

am Eingang, Los Nacimientos, Cuevas de Candelaria, Raxruha, Alta Verapaz, Guatemala

Er hatte extra für uns eine Foto-Höhlentour zusammengestellt, mehrere Höhlen mit unterschiedlichem Charakter. Wir waren beeindruckt. Und Bernd hatte endlich genug Zeit zum Fotografieren, denn die Dunkelheit machte es etwas schwierig.

seit Jahrhunderten ein heiliger Platz der Maya, Los Nacimientos, Cuevas de Candelaria, Raxruha, Alta Verapaz, Guatemala

seit Jahrhunderten ein heiliger Platz der Maya, Los Nacimientos, Cuevas de Candelaria, Raxruha, Alta Verapaz, Guatemala

Derweil teilte Caesar sein Wissen über die Höhlen, die Maya-Rituale, das Land und seine Leute mit mir. Wir sprachen über seine Pläne und er erzählte mir vom Cave Tubing auf dem Fluss, was ein besonderes Erlebnis ist. Über sechs Stunden geht es durch das Höhlensystem, mal zu Fuß, mal im Reifen auf dem Fluss durch die Höhle treibend. „Auch in den dunklen Abschnitten?“, fragte ich. „Da haben wir Taschenlampen und das Wasser geht nur bis zum Knie“, lachte er. Die Zeit in den Höhlen verging wie im Fluge. Und als die Sonne untergegangen war und auch durch die „Ventanas“, die Durchbrücke in der Höhlendecke, kaum noch Licht fiel, beschlossen wir, unsere Höhlenexpedition zu beenden. Wir kletterten auf den Pickup und genossen die Fahrt in der Abenddämmerung querfeldein über die Wiesen, die von mit Dschungel überwucherten Felsen umgeben waren. Die Vögel gaben dazu ihr all abendliches Konzert.

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