Vulkan Acatenango und sein wilder Bruder Fuego

/// Antigua, Guatemala ///

Schon bevor wir nach Antigua kamen, hatten wir „ihn“ ins Auge gefasst: den zweithöchsten Vulkan Guatemalas Acatenango. Wir hatten gehört, dass man in der Nacht vom hochgelegenen Basecamp aus den feuerspuckenden aktiven Vulkan Fuego beobachten kann. Das stellten wir uns sehr beeindruckend vor.

Nachdem unser erster Anlauf wegen der Sperrung des Acatenango aufgrund eines tragischen Unglücks und wegen unserer mangelnden Höhenadaptation nicht funktioniert hatte, war jetzt genau der richtige Zeitpunkt. Die Wetterlage war stabil und wir waren durch die Besteigungen der Vulkane in Xela gut an die Höhe angepasst.

Schon bevor wir nach Xela gingen, hatten wir uns aufgrund der rundweg positiven Reviews im Internet entschlossen, die Tour mit Guilmer zu machen. Er und seine Guides sollen sehr umsichtig und verantwortungsbewusst sein. Außerdem kommt der Erlös der Touren zu großen Teilen seiner Community zugute. (Kontakt: s.u. Tipps – Aktivität: Besteigung des Acatenango)

Mit Guilmer hatten wir über Whatsapp den Termin festgelegt: Montag 7:30 Uhr vor unserem Hotel. Alles verlief nach Plan. Pünktlich wurden wir abgeholt und zusammen mit acht anderen Touristen fuhren wir in Guilmers Dorf. Dort erwarteten uns die Porter und die Guides. Es folgte die Verteilung der Zelte, Schlafsäcke, Isomatten und des Essens an unsere Gruppe. Nachdem jeder alles gut verstaut hatte, bat Guilmer noch um einen Moment Gehör.

Er erzählte, dass er vor wenigen Jahren nach einem Unfall blind geworden war, und alle Ärzte ihm keine Hoffnung machten, dass er je wieder sehen wird. In der Phase seiner tiefsten Verzweiflung bekam er eine Einladung von einem entfernten Freund nach Amerika. Dort wurde er diagnostiziert und anschließend operiert. Wenige Tage nach der OP geschah, was er glaubte, dass es niemals wieder geschehen würde: er konnte wieder sehen. Das ist für ihn heute noch das größte Wunder. Als er wieder heimkam, war er mit tiefer Dankbarkeit erfüllt und wollte etwas für die Gemeinschaft, für sein Dorf tun. So entstand die Idee, die Tour zum Acatenango als gemeinnütziges Projekt ins Leben zu rufen. Mittlerweile führen sie schon einige Jahre Touristen auf den Vulkan und von den eingenommenen Geldern wurde eine neue Straße im Dorf gebaut. Eine Schule ist schon fertig geplant und eine Krankenstation soll folgen. Uns gibt Guilmer mit auf den Weg, dass man niemals aufgeben darf, auch wenn der Weg (bzw. unser Anstieg) noch so schwer ist. Wir waren von seiner Geschichte noch ziemlich tief beeindruckt, als er fröhlich „Vamos“ rief und uns zum Bus brachte.

das Ziel vor Augen, Volcan Acatenango, Antigua, Guatemala

das Ziel vor Augen, Volcan Acatenango, Antigua, Guatemala

Nach wenigen Minuten Busfahrt kamen wir am Ausgangspunkt an. Hier begann der ziemlich steile Anstieg – gleich am gegenüberliegenden Straßenrand, ohne jede Vorwarnung. Steil stiegen wir zunächst in einer Art Hohlweg bergan, unser Ziel, den beindruckend hohen Acatenango, direkt vor Augen. Manchmal kamen uns Gruppen entgegen, in Staubwolken gehüllt. Ihre aufmunternden Worte hatten alle den gleichen Inhalt: „Es ist sehr hart, aber es ist es wert“. Also weiter, Schritt für Schritt, jeder in seinem eigenen Tempo. Den allgegenwärtigen Staub im Mund spülten wir gelegentlich mit einem Schluck Wasser hinunter. „Über ein Ende des Aufstieges brauchen wir gar nicht nachzudenken“, sagten wir uns. Noch mindestens 1500 Höhenmeter lagen vor uns. Nach einer Weile fand jeder seinen Rhythmus und der Aufstieg war gar nicht mehr so mühsam.

Der Weg führte uns durch unterschiedliche Vegetationszonen. Zuerst ging es durch staubiges Ackerland, dann durch Regenwald und schließlich durch einen Abschnitt Nebelwald mit glitschigen Anstiegen.

Nach etwa zweieinhalb Stunden war endlich Mittagspause. Jeder hatte im Dorf seine Lunchbox mit Reissalat und Hühnchen bekommen sowie einen Apfel zum Nachtisch. Das war deutlich besser als die Sandwiches, die andere Touranbieter austeilen, wie wir den Reviews entnommen hatten. Die Mittagssonne trocknete unsere durchgeschwitzten T-Shirts auf unserer Haut. Seit wir aus dem Bus gestiegen waren, hatten wir einen Hund als Maskottchen. Jetzt lief er aufgeregt zwischen uns und unseren Lunchboxen hin und her und ergatterte sich so sein Mittagessen.

Gerade als sich etwas Entspannung breitmachte, beendete unser Guide die Pause. Wir lagen zwar gut in der Zeit, aber hatten noch nicht ganz die Hälfte geschafft. „Später wird es ein wenig flacher“,  tröstete er uns. „Wie oft warst du schon oben“, fragten wir ihn. “ Heute zum 367. Mal“, entgegnete er lachend. ‚Oh mein Gott‘ dachten wir ‚das wäre nichts für uns‘. Die zweite Hälfte des Aufstieges erschien uns leichter. Wir hatten jetzt unseren Rhythmus gefunden. Nach ca. fünf Stunden erreichten wir unser Camp. Wir waren die erste Gruppe, die ihr Lager auf einer der kleinen Terrassen aufschlug, die in den Hang gegraben waren. “ Ihr ward ziemlich schnell“, schmunzelte Henry, unser zweiter Guide. Das Lob aus dem Munde unserer Guides tat uns gut. Schnell bauten wir die Zelte auf und setzten uns dann in die Sonne. Auf etwa 3500 m Höhe konnten wir ihre wärmenden Strahlen gut vertragen.

im Basecamp, Volcan Acatenango, Antigua, Guatemala

im Basecamp, Volcan Acatenango, Antigua, Guatemala

Bis hierher hatten wir über längere Zeit dicke Wolken um uns, die uns die Sicht auf die Vulkane versperrten. Jetzt waren sie in Bewegung und ließen zeitweilig den Blick auf die Sonne und die Vulkane frei. Ein paar Gesprächsfetzten flogen hin und her. Aber letztendlich waren alle froh, dass der Anstieg für heute geschafft war.

Plötzlich ein lautes Donnern und schon kam eine dicke Aschewolke aus dem gegenüberliegenden Vulkan Fuego. Wir waren hellwach und jeder zückte schnell die Kamera oder das Handy – war doch der Fuego in diesem Moment ohne Wolken. Es grummelte weiter im Vulkan und plötzlich schoss eine Fontäne glühender Steine und Asche heraus. „Das sieht noch viel besser aus, wenn es dunkel ist“, meinte unser Guide. Er meinte zuversichtlich, die Wolken würden verschwinden und uns einen grandiosen Blick auf das Tal und den Vulkan freigeben. Hoffentlich, dachten wir.

Langsam kam die Abenddämmerung und mit ihr verschwanden auch die letzten Wolken. Es war unglaublich. Wir saßen vor unseren Zelten, hoch über den Wolken und genossen das Farbenspiel des Abendhimmels. Dunkles Blau, tiefes Violett über einer weißen Wolkendecke – unbeschreiblich schön.

"blaue Stunde" über den Wolken, Volcan Acatenango, Antigua, Guatemala

„blaue Stunde“ über den Wolken, Volcan Acatenango, Antigua, Guatemala

Die Guides machten Feuer und bereiteten das Abendbrot vor. Dann kam die Dunkelheit, das Feuer brannte und der Vulkan – schlief er? Schon fast zwei Stunden ohne Aktivität, wir waren besorgt.

Aber dann hörten wir es wieder: zunächst ein leises Grummeln, ein wenig später einen immer lauter werdenden Donner. Plötzlich schoss eine hohe rotglühende Fontäne aus Steinen und Lava in den sternenklaren Nachthimmel. Ja, der Aufstieg war schwer, aber er war es wirklich wert! Das dachten in diesem Moment wohl alle, die am Feuer saßen und das Schauspiel bewunderten.

der Fuego macht seinem Namen Ehre, Volcan Acatenango, Antigua, Guatemala

der Fuego macht seinem Namen Ehre, Volcan Acatenango, Antigua, Guatemala

Als hätte der Vulkan Spaß daran, uns mit seinen Eruptionen zu erfreuen, erhöhte er seine Aktivität noch ein bisschen. Unsere Guides bestätigten, dass das ungewöhnlich wäre – wir könnten uns glücklich schätzen. Das taten wir auch, aber irgendwann wurde es empfindlich kalt. Es war Zeit, in die Schlafsäcke zu kriechen. Der Donner des Fuego begleitete uns in den Schlaf. Pünktlich um vier Uhr wurden wir geweckt. Das Feuer brannte schon wieder und spendete wohlige Wärme. Als sich alle versammelt hatten, brachen wir zum Gipfel auf. Wir wussten, dass uns nun das schwerste Stück Weg bevorstand. Sehr steil und in loser Vulkanasche stiegen wir in etwa eineinhalb Stunden zum Gipfel auf. Anfangs noch in tiefster Dunkelheit. Eine Kette von leuchtenden Punkten der Stirnlampen zog sich über die Flanke. Das Timing war perfekt, oben angekommen färbte das Morgenrot den Himmel mit seinen verschiedenen Farben. Neben dem Fuego färbte sich ein Teil der Wolkendecke rosa unter dem noch dunkelblauen Himmel. Dann tauchte die Sonne wie ein kugelförmiges rotes UFO aus der Wolkendecke. Dabei tauchte sie die Gipfel der umliegenden Vulkane in ihre Morgenfarben. Das Ganze dauerte nur Sekunden. Wir hatten erneut großes Glück, es war windstill. So konnten wir das Schauspiel genießen, ohne zu frieren.

die Sonne taucht hinter dem Agua aus den Wolken wie ein Ufo, Volcan Acatenango, Antigua, Guatemala

die Sonne taucht hinter dem Agua aus den Wolken wie ein Ufo, Volcan Acatenango, Antigua, Guatemala

Als der neue Tag angekommen war, gingen wir zum Gipfel des Acatenango, dem höchsten Punkt seines erodierten Kraterrands. Schließlich machten wir uns auf den Weg zurück ins Camp. Der Abstieg über die steile Flanke in der tiefen Vulkanasche war schnell und funny. In einem Bruchteil der Aufstiegszeit erreichten wir das Basecamp.

rasanter Abstieg in der Vulkanasche, Volcan Acatenango, Antigua, Guatemala

rasanter Abstieg in der Vulkanasche, Volcan Acatenango, Antigua, Guatemala

Ein kleines Frühstück, eine letzte größere Abschiedsvorstellung „unseres“ Vulkans Fuego und dann begann der lange Abstieg.

noch eine heftige Eruption zum Abschied, Volcan Acatenango, Antigua, Guatemala

noch eine heftige Eruption zum Abschied, Volcan Acatenango, Antigua, Guatemala

Auf dem allerletzten Stück trafen wir die „Neuen“, die sich in der losen Vulkanasche den Berg hinaufkämpften. Und heute gaben wir ihnen mit auf den Weg: “ Es ist sehr hart, aber es ist die ganze Mühe wert.“

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