Einsame Höhen

Sierra Nevada de El Cocuy, Kolumbien, Februar 2016

Für manche ist die Sierra Nevada de El Cocuy das schönste Trekking-Gebiet Kolumbiens. So etwas wie ein Geheimtipp, da nur umständlich zu erreichen. Der Bus von Tunja soll uns in acht Stunden ins gleichnamige Dorf El Cocuy bringen, einem der beiden Zugangspunkte für den Nationalpark. Aus acht Stunden werden zehn, auf kurvenreicher Straße von Dorf zu Dorf. Der Bus nimmt Leute mit, die an der Straße stehen, liefert Pakete aus, die Fahrer aus Bogota versorgen sich unterwegs mit frischem Obst und Gemüse.

El Cocuy ist ein verschlafenes hübsches Bergdorf. Die niedrigen Häuser sind weiß-hellgrün gestrichen. Steile schmale Sträßchen führen vom Hauptplatz hinauf – das Dorf schmiegt sich an einen Berghang. Zeit scheint hier eine andere Bedeutung zu haben. Die Männer, traditionell mit Poncho und Hut, stehen an den Ecken oder sitzen vor der Bodega, in einen gemütlichen Plausch vertieft. Manche kommen zum Einkaufen auf dem Pferd ins Dorf. Nur morgens und abends, wenn die Busse aus Bogota ihre lange Fahrt beginnen oder beenden, wird die Ruhe gestört.

Wir haben ein nettes Hostel gefunden und planen unsere Wanderungen. Zwei oder drei Agenturen bieten relativ teure geführte Touren an, inklusive Camping und Gipfelbesteigungen. Es ist auch möglich, von den Hütten im Park Tagestouren zu unternehmen (mehr unter Tipps El Cocuy). Wir entscheiden uns für letzteres, nachdem wir uns ausgiebig informiert haben.

Erster Tag: zur Sisuma-Hütte

Es ist 5:50 Uhr. Wir stehen pünktlich an der Ecke der Plaza Mayor und es ist kalt. El Lechero, das Milchauto gilt als einziges öffentliches Transportmittel in den Nationalpark Sierra Nevada de El Cocuy. Sonst bleibt nur der private Transport für 80 Dollar. Etwa anderthalb Stunden soll die Fahrt auf der Ladefläche bis zum Abzweig zum Ecorefugio de Montana Sisuma dauern, danach noch drei Stunden Gepäckmarsch bis zu den Cabanas – so ist unser Plan.

Wir werden etwas unruhig. Weder El Lechero noch andere Touristen sind zu dieser frühen Stunde zu sehen. Dafür steht ein alter Mann an der Ecke, auch er klassisch mit Hut, Poncho und geschnürtem Bündel. Wir fragen ihn nach El Lechero. Die Antwort verblüfft uns: Warum wir nicht mit dem Bus fahren wollen, denn der El Lechero ist sehr kalt und langsam.

Mit dem Bus?! Keiner, weder das Parkoffice, noch diverse offizielle Trekkingagenturen, noch unser netter Hostelwirt hat bei unseren wiederholten(!) Transportfragen auch nur den Bus angedeutet. Da sind sie wieder – die gut gehüteten Geheimnisse der Bergvölker.

Der Bus fuhr pünktlich 06:15 Uhr ab. Ein alter Dodge-Bus, so wie man sich Busse in abgelegenen Gegenden Kolumbiens vorstellt. Seit über 50 Jahren fährt der Bus diese Strecke und bringt uns in nur 40 Minuten zu unserem Abzweig.

Wir schultern unser Gepäck. Am Vorabend hatten wir einen sorgfältigen Auswahlprozess. Schlafen auf 4000 m in unbeheizten Räumen, unkalkulierbares Wetter, Obst, Schokolade und Nüsse als Energiereserven  – dabei nur begrenzte Gepäckkapazität für die sechs Tage. Alles muss über die Pässe von Hütte zu Hütte getragen werden. Am Ende blieb ein großer Rucksack für uns beide und für jeden sein Daypack.

Die drei Stunden Wanderung bis zur Sisuma-Hütte vergingen schnell. Atemberaubende Ausblicke auf die Gletscher der Ita U’wa blanco und des Pan de Azucar unter dem wolkenlosen Himmel faszinierten uns immer wieder. Ein plätscherndes Bächlein begleitete uns eine Weile. Lagunen am Wegesrand. Nach einem kurzen Anstieg konnten wir im Tal unter uns großflächige Ansammlungen von Frailejones bewundern.

Das sind eine Art Halbsträucher, die in großen Höhen (1800 – 4700 m) leben, heimisch in Kolumbien, Venezuela und Ecuador. Seit ca. zwei Millionen Jahren gibt es diese Pflanzen hier. Sie wachsen einen Zentimeter pro Jahr und sind für die Regulierung des Wasserkreislaufs von entscheidender Bedeutung. Viele der unterschiedlichen Arten sind vom Aussterben bedroht.

Wir erreichen die Sisuma-Hütte. Ein Vier-Bett-Zimmer mit Bergblick ist für uns reserviert. Mehr als wir erwartet hatten. Kurze Rast, dann starten wir unseren Akklimatisations-Hike zum Paso de Cusiri. Leider zog das Wetter zu. Kalter Wind und immer mehr Wolken trübten das Vergnügen. Keinerlei Sicht vom Pass.

Beim gemeinsamen Abendessen in der Hütte trafen wir kolumbianische Bergsteiger, eine Schweizerin, die ihren ersten Gipfel über 5000 m erklimmen wollte und eine Bergführerin aus Montana. Es entspann sich eine lebhafte Diskussion über die Risiken des Eiskletterns und der Gletscher-Begehung. Die Kolumbianer erzählten uns, dass hier im Park die Guides meist keine Ausbildung haben. Die einzige Transportmöglichkeit im Notfall ist das Pferd. Es gibt keine Hubschrauber oder Rettungsteams. Das sollte man alles bedenken, bevor man schwierige Touren plant. Die gute Nachricht ist, man arbeitet gerade an einem Ausbildungsplan für die örtlichen Guides.

ZweiterTag: Pulpito del Diablo

Um 5:45 setzt der Wecker dem Frieren in der Nacht ein Ende. Unsere Schlafsäcke hatten wir leider auf Empfehlung der Agentur im Hotel gelassen, da genügend Decken vorhanden sein sollten. Das war ein Fehler. Die Luftfeuchtigkeit in den tropischen Bergen hier erhöht das Kältegefühl erheblich. Die Nacht war sternenklar und damit sehr kalt. Eine Heizung gibt es hier nicht, ebenso kein warmes Wasser. Im kalten Speiseraum ist schon Leben. Wir gesellen uns dazu. Frühstück, Smalltalk, heißer Tee und langsam wird uns wärmer- Sieben Mann sind ein Kachelofen, hat mein Opa immer gesagt.

Um sieben Uhr starten wir unseren Hike zum Pulpito del Diablo, der Kanzel des Teufels auf fast 5000 m Höhe. Die Sonne schiebt sich langsam über die Bergspitzen. Wie vergoldet erscheinen die Gräser und Frailejones im Gegenlicht. Wir gehen etwas schneller bergauf, um von ihrer Wärme möglichst bald zu profitieren. Als uns die wärmenden Strahlen erreichen, entledigen wir uns zügig der „überflüssigen“ Schichten. Es wird immer steiler, Geröllfelder sind zu überwinden – in weiter Entfernung ein Steinmännchen zur Orientierung. Der Aufstieg ist so steil, dass wir manchmal den Kopf weit in den Nacken legen müssen, um das nächste Steinmännchen ausfindig zu machen. Nach ca. anderthalb Stunden ist das steilste Stück geschafft. Vor uns liegt ein vergleichsweise sanfter Anstieg über ein Felsenplateau bis zum Gletscherrand. Zum Greifen nah erscheinen Pulpito del Diablo und Pan de Azucar. Doch das täuscht. Es ist fast noch eine Stunde bis zum Gletscherrand. Das Plateau ist durchzogen von tiefen Spalten. Selten weisen Steinmarkierungen den Weg. Plötzlich schlägt das Wetter um. Wolken ziehen über das Plateau. Die Sicht verschlechtert sich schlagartig, kaum noch Kontraste, die Konturen verändern sich. Kurz vor dem Gletscherrand kehren wir um. Jedes Jahr kommen mehrere Leute in diesen Bergen ums Leben, weil sie die Orientierung verlieren. Wir wollen nicht dazu gehören.

Auf dem Rückweg sehen wir das Basislager der kolumbianischen Bergsteiger, die wir am Vorabend in der Hütte getroffen hatten. Sie laden uns zu einer Rast ein. Hier, in einer windgeschützten Nische unterhalb des Plateaus ist das Wetter nicht mehr so bedrohlich. Wir teilen unsere Vorräte und sie erzählen uns von ihren Vorhaben.

Der weitere Abstieg verläuft zügig, insbesondere da wir das ferne Grollen eines heraufziehenden Gewitters vernehmen. Kurz vor der Hütte beginnt es heftig zu regnen, der Wind frischt auf. Wir sind froh, dass wir fast trocken nach ca. 10 Stunden die schützende Hütte erreicht haben.

Dritter Tag: der Geheimtipp

Heute schultern wir unser Gepäck erneut, um von der Sisuma-Hütte zur Hazienda La Esperanza zu wandern. Dieser Weg ist auch ein gut gehütetes Geheimnis der Bergvölker. Offiziell gibt es El Lechero oder den Privattransport. Zufällig und fast nebenbei sagte uns der Park-Ranger, nachdem er uns über unsere Pläne befragt hatte, dass wir den Verbindungsweg über die Berge nehmen könnten. Das war ein super Tipp. Ein wolkenloser Himmel und beste Gletscher- und Bergsicht bescheren uns trotz Gepäck einen entspannten und wunderschönen Hike. Dieser Weg soll wohl auch nicht so publik werden, denn kein Steinmännchen zeigte uns die Richtung und die Gatter der vielen Pferde- und Kuh-Koppeln versperrten oft den Weg. Jedoch pünktlich zum Mittagessen erreichen wir die Hazienda La Esperanza. Ein weiterer kleiner Ausflug am Nachmittag wäre nett. Aber wohin? Natalia von der Hazienda schlug uns vor, zur Cueva und Cascada La Chuchumba zu laufen. Eine kleine Pilgerstätte befände sich dort, ein gemütlicher, lohnender Nachmittagsausflug.

Abends sitzen wir im offenen Gemeinschaftsbereich. Natalias Bruder Sebastian versucht ein Feuer im Kamin zu entzünden. Aber das Holz ist nass und so bleibt es beim Versuch. Nebenan in der Küche wird das Abendessen vorbereitet. Im Anbau des Vierseithofes sieht ein Teil der Familie fern. Die Kinder streiten. Die Katze versucht, sich in die Küche zu schleichen. Der vier Monate alte tollpatschige Welpe bettelt sich sein Abendessen zusammen. Ein netter Homestay. Gutes Essen, warme Duschen, warme Decken – wir fühlen uns wohl.

Vierter Tag: zur Laguna Grande

Sechs Uhr Frühstück. Es wird gerade hell. Alle Blasen sind verpflastert. Los geht’s. Über 20 km und 1000 Höhenmeter bis zur Laguna Grande liegen vor uns, geplante Gehzeit 10h. Wolkenloser Himmel, die Sonne schickt die ersten Strahlen über die Berge. Außer uns ist kein Mensch unterwegs. Wir genießen den Morgen in den Bergen. Anfangs schlängelt sich der Pfad in einem freundlichen sanften Aufstieg über die Wiesen und durch Gesträuch. Plötzlich stehen wir vor einem weiten Tal, dem Valle de los Frailejones. Wie ein Wald stehen die Pflanzen in diesem Tal. Das Licht der Morgensonne schafft weiche Konturen, Vögel zwitschern, eine mystische Stimmung. Der Weg durch das Tal führt zu einem scheinbar endlosen gerölligen Aufstieg. Wir haben die Zone der Endmoräne erreicht. „Schluss mit lustig“ – und das für die nächsten vier Stunden. Von Steinmännchen zu Steinmännchen arbeiten wir uns vorwärts.

Die Steinpyramiden werden immer größer, je höher wir kommen. So auch unsere Hoffnung, die Lagune endlich zu sehen. Das erwies sich jedoch noch für lange Zeit als trügerisch. Die Moränenhänge zogen sich im wellenförmigen Auf und Ab immer höher. Der Wind frischt auf, die Höhe ist deutlich spürbar. Endlich, wir haben die Lagune erreicht. Auf 4600 m liegt sie blauschimmernd vor uns. Umgeben von Gletschern und Gipfeln, wunderschön. Alle Anstrengung ist in diesem Augenblick vergessen.

Bald jedoch schieben sich wie jeden Tag um die Mittagszeit die Wolken über den Kamm und verdecken uns zeitweise die Sicht. Wir finden einen windgeschützten Platz – Zeit für eine Mittagspause. Wir genießen noch eine Weile das Panorama, bis wir uns auf den Rückweg machen müssen, um noch bei Tageslicht in unserer Hazienda anzukommen. Der Abstieg im Geröll erfordert für die nächsten Stunden unsere volle Konzentration. Danach genießen wir im Valle de los Frailejones die Strahlen der Nachmittagssonne, eine letzte Rast.

Kurz nach fünf können wir uns in der Hazienda an einer warmen Dusche erfreuen. Heute brannte das Feuer im Kamin. Der Welpe hatte es sich schon davor gemütlich gemacht. Das vegetarische 3-Gänge-Menü am Abend war sehr lecker. Noch ein kleiner Plausch und ein paar Streicheleinheiten für die Haustiere. Das war ein perfekter Tag in den Bergen.

Fünfter Tag: nach El Cocuy

Die Warnungen der Bergsteiger in der Sisuma-Hütte hatten uns unseren Plan, über den Gletscher zum Gipfel des Ita U’wa blanco aufzusteigen, ernsthaft überdenken lassen. Eine ganze Portion Wehmut lag in unserer letztendlichen Entscheidung, nicht hinaufzugehen. Die Risiken schienen uns nicht kalkulierbar.

Als wir aufstanden, pfiff ein kalter Wind um das Haus und dunkle Wolken verdeckten die Berge. Jetzt waren wir uns sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Wir beschlossen, die ca. 25 km bis El Cocuy hinunter zu laufen. Zunächst zog sich unser Weg noch einmal bis auf ca. 3900 m hinauf, um uns dann im leichten Nieselregen auf 2800 m hinab zu führen. Wir hatten ausgiebig Gelegenheit, Abschied von den Bergen zu nehmen und die letzten Tage Revue passieren zu lassen. Entspannt kamen wir am Nachmittag in El Cocuy an, bezogen unser Lieblingszimmer im Hostel und genossen die Wärme im Tal.

dicht drängen sich die Häuser um die Kirche, El Cocuy, Kolumbien

dicht drängen sich die Häuser um die Kirche, El Cocuy, Kolumbien

unser "Einstieg" in den Nationalpark, NP Sierra de El Cocuy, Kolumbien

unser „Einstieg“ in den Nationalpark, NP Sierra de El Cocuy, Kolumbien

Laguna Grande de la Sierra, NP Sierra de El Cocuy, Kolumbien

Laguna Grande de la Sierra, NP Sierra de El Cocuy, Kolumbien

El Pulpito del Diablo, NP Sierra de El Cocuy, Kolumbien

El Pulpito del Diablo, NP Sierra de El Cocuy, Kolumbien

Valle de los Frailejones, NP Sierra de El Cocuy, Kolumbien

Valle de los Frailejones, NP Sierra de El Cocuy, Kolumbien

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