Sonne im Land der Stürme

El Chalten, Patagonien, Argentinien, Januar 2016

Vor einigen Jahren waren wir in Chile und hatten im Nationalpark Torres del Paine die Aussichtspunkte auf die beeindruckenden gleichnamigen Granittürme erwandert. Für das Pendant auf argentinischer Seite reichte damals die Zeit nicht. Nun wollten wir die Aussicht auf Cerro Torre und Cerro Fitz Roy im Nationalpark Los Glaciares erleben. Ausgangspunkt dafür ist El Chalten, ca. 220 km vom nächsten Flughafen in El Calafate entfernt.

Patagonien ist berüchtigt für sein instabiles Wetter. Starker Wind, viele Wolken und Regen sind der Normalfall, auch im patagonischen Sommer. Insofern waren wir gespannt, was uns erwartet. Dass der Reisebeginn so stürmisch und spannend sein sollte, das hatten wir jedoch nicht erwartet.

Salta im Nordwesten Argentiniens, 8:45 Uhr- Die Rucksäcke gepackt, gefrühstückt, ausgecheckt, Taxi zum Flughafen bestellt, Wetterprognose für El Chalten – kein Regen, also alles gut. Plötzlich klingelte das Handy mit der argentinischen Claro-Nummer. Jose von LAN Argentinia teilte uns mit, dass bei der Airline gestreikt wird und wir heute nicht mehr fliegen können. Morgen? Vielleicht, wer weiß. Und da waren sie wieder, die nicht vorhersehbaren Ereignisse. Damit man es nicht verlernt „dynamisch und flexibel“ zu bleiben. Aber Jose hatte einen Plan. Umziehen in ein anderes Hotel. Am nächsten Tag um 6.00 Uhr früh mit Aerolineas Argentinas nach Buenos Aires fliegen ( d.h. 3.30Uhr aufstehen), dort fünf Stunden Aufenthalt und dann weiter nach El Chalten. Nein, wir können nicht in unserem Hotel bleiben und ein späterer Flieger ist auch nicht möglich. Aber wir bekommen ein Voucher für das Dinner im Hotel.

Schön, die Entspannung war weg. Was ist, wenn morgen auch gestreikt wird? Dann lohnt sich Patagonien nicht mehr, wir haben nur 5 Tage. Wir sollten die Nachrichten im lokalen Fernsehen verfolgen und könnten ihn auch jederzeit anrufen, meinte Jose.

O.k., also Wechsel zum 4-Sterne-Hotel „Casa Real“, nicht weit von unserem kleinen Hostel entfernt. Der freundliche Rezeptionist ließ uns wissen, dass der Check-in in frühestens zwei Stunden möglich ist. Derweil könnten wir im Restaurant mit unserem Voucher zu Mittag essen. Nein, wir haben im Gegensatz zu den anderen Gestrandeten, die nach und nach eintreffen, kein Lunch Voucher. Warum? „No lo se“ – ich weiß nicht. Gut. Er kümmert sich. Hat er auch. Wir bekamen ein exzellentes Lunch und mit einem Augenzwinkern die Suite im 9. Stock.

Gegen 16 Uhr lasen wir zu unserer Freude in den News bei Reuters, dass der Streik durch die ministerielle Anordnung einer „Zwangsversöhnung“ beendet sei. Patagonien – wir kommen.

Die Suite mit Bergblick und die Aussicht auf ein ebenso gutes Dinner ließen uns schnell die widrigen Umstände vergessen, zumal sich nach den Regentagen auch noch die Sonne zeigte. Und um 03:30 Uhr aufstehen ist schließlich immer noch besser, als gar nicht fliegen zu können. Erneut machten sich Entspannung und Vorfreude breit.

Da klingelte das Telefon. Jose teilte uns mit, dass der Streik zu Ende sei, wir unsere Sachen packen können und in 90 Minuten unser Flug nach Buenos Aires geht, um dort zu übernachten. Nein, jetzt wollten wir hier bleiben, so wie es der ursprüngliche Plan vorsah. So sollte es bleiben, auch wenn wir alles nachvollziehen können- Streik, Zusatzkosten etc.. Jose verstand uns auch und überraschte uns kurze Zeit später mit seinem neuen Plan. Ein Shuttle holt uns um 6.30 Uhr vom Hotel ab, der Flug geht um 08:00 Uhr! Perfekt, „muchas gracias Jose.“

Buenos Aires – 3 Stunden zum Umsteigen auf dem nationalen Flughafen ist normalerweise mehr als ausreichend. Als wir ankamen herrschte jedoch das Chaos, ein Teil des Flughafens wurde noch immer bestreikt. Drei bange Stunden Schlange stehen zum Check-in, das Personal war hoffnungslos überfordert. Werden wir es schaffen?

Aber Ende gut, alles gut. Der Flieger hob mit nur 30 Minuten Verspätung ab und wir waren drin. Da es im Januar in Patagonien noch bis nach 22 Uhr taghell ist, hatten wir die dreistündige Fahrt von El Calafate nach El Chalten bei Abendsonne mit toller Bergkulisse. Der Himmel war fast wolkenfrei.

El Chalten gibt es erst seit ca. 25 Jahren. Damals erhob Chile Anspruch auf die Region und als Antwort darauf installierte Argentinien den Vorposten El Chalten, mehr als 200 km von der nächsten Ansiedlung entfernt. Das Dorf zog dann zunächst Bergsteiger aus aller Welt an, die es als Basis-Station für Besteigungen von Cerro Torre und Cerro Fitz Roy nutzten. Nach und nach sprach es sich unter Trekkern herum, wie grandios sich die Gegend für Touren eignet. Mit dem Bau der Straße um den Nationalpark Los Glaciares bekam El Chalten noch mehr Auftrieb. Erinnert es heute in Teilen noch an das ehemalige Frontier-Städtchen, ist es doch einem schnellen Wandel unterworfen. Hotels und Hostels schießen wie Pilze aus dem Boden. Es gibt alles, vom einfachen Hostel bis zum Luxushotel. Mehrere Busgesellschaften befahren die Strecke El Chalten- El Calafate regelmäßig, ein Preisvergleich lohnt sich. Das Preisniveau ist insgesamt deutlich höher als sonst in Argentinien, aber das ist bei spektakulären Zielen halt so.

Unser Hostel hatten wir im Voraus gebucht. Von über 60 Unterkünften waren bei booking.com nur noch zwei verfügbar. Da wir keine 250 USD pro Nacht ausgeben konnten und wollten, blieb uns das Hostel „Lago Viedma“. Alejandra nahm uns herzlich in Empfang, hatten wir doch schon einen regen Email-Verkehr gehabt. Nach den Formalitäten ging es zu unserem Zimmer. Ein Schock. 85 USD für eine ca. 8-9 qm große Kammer. Betten über Eck gestellt, ein kleines Fenster, das sich nicht öffnen ließ. Vom ca. 2x1m großen Bad sollte die Frischluft durch eine kleine Luke ihren Weg zu uns finden. Es ist halt ein altes Haus. Wegen Wind und Kälte wurde früher an Fenstern gespart und Öffnen war gar nicht vorgesehen. Nix für Leute mit klaustrophobischen Anwandlungen. Dank Alejandras Verständnis und ihrer Mithilfe konnten wir am nächsten Tag gleich früh in ein neues kleines Hotel umziehen, welches Fenster zum Öffnen hatte.

Danach konnte es endlich losgehen. Unsere erste Wanderung mit dem Ziel „Laguna Torre“ mit Sicht auf den Cerro Torre (9 km, ca. 3 Std one-way). Der Weg führte in stetigem Auf und Ab durch Lengas-Wälder, vorbei an Hochmooren, Wiesen und größeren Arealen, die vom Baumsterben befallen waren. Ursache dafür soll die zunehmende Trockenheit aufgrund des Klimawandels in Patagonien sein. Auf dem Weg konnten wir zwischendurch immer mal den Anblick des Cerro Torre erhaschen. Dann der letzte Aufstieg zur Lagune. Blauschimmernd und fast kreisrund lag sie zu unseren Füßen. Gletscherstücke mit fantasieanregenden Formen trieben langsam dahin. Am Ufer lagen die Wanderer in der Sonne, wie die Badegäste am Ostseestrand. Das leise Plätschern des Wassers, die Sonne und der laue Luftzug verführten nicht nur uns zu einem Nickerchen. Und über allem ragte der überwältigende Granitturm des Cerro Torre in den Himmel, ab und an versteckte sich seine Spitze in den schnell dahinziehenden Wolken.

Nachdem wir ausgiebig Zeit hatten, alles in uns aufzunehmen und auf unzählige Fotos zu bannen, begannen wir mit dem Heimweg. Wir liefen etwas schneller als am Vormittag, da augenscheinlich jetzt alle Bremsen (Exemplare bis 3 cm Länge) wach und in Aktion waren. Zurück im Ort bezogen wir unser neues Zimmer mit Fenster zum Öffnen und Blick auf den Cerro Fitz Roy vom Bett aus, perfekt. Und eine schöne Einstimmung, da der nächste Tag dem Cerro Fitz Roy „gewidmet“ war.

Per Shuttlebus fuhren wir zur Hosteria El Pilar, ca. 14 km nördlich von El Chalten, dem Einstiegspunkt des Trails zur „Laguna Los Tres“. Im leichten Anstieg ging es neun entspannte Kilometer durch Lengas-Wald, über Wiesen und Hochmoore. Und dann standen wir vor dem Schild „Kilometer 10“. Dieser letzte Kilometer brachte uns so richtig zum Schwitzen. Es ging über Sand und Geröll noch einmal 750m im steilen Anstieg hoch, zum Fuß des Fitz- Roy-Massivs. Dort erwartete uns ein spektakulärer Anblick, gewaltig und beeindruckend- alle Anstrengungen wert.

Der Berg erhielt seinen Namen von dem argentinischen Landvermesser Perito Moreno. Robert FitzRoy war der  Kapitän des Expeditionsschiffs „Beagle“, mit dem auch Charles Darwin fünf Jahre um die Welt reiste. Den Tehuelche-Indianern war der Berg heilig. Sie nannten ihn Chaltèn, „den rauchenden Berg“, weil seine Spitze oft von einer einzelnen Wolke gekrönt war, ähnlich einem Vulkan.

Zu unserem Glück hielt das gute Wetter an. Nur ab und zu legte sich der Berg ein paar Wolken um die Schultern. Was vom Fuße des Berges bei blauen Himmel und Sonnenschein dekorativ aussieht, bedeutet für die Bergsteiger in der Höhe unter Umständen die gefürchteten plötzlichen Wetteränderungen mit unvorhersehbaren Starkwindböen, die das Klettern unmöglich machen, Zelte zerfetzen und für die Bergsteiger in der Wand lebensgefährlich werden können. Patagoniens Berge zählen zu den schwersten der Welt, weil es hier alle vier Jahreszeiten innerhalb einer Stunde geben kann.

Unsere Verschnaufpause war diesmal etwas kürzer, da der Rückweg schwieriger war und mehr Zeit in Anspruch nehmen würde. Die Trekkingstöcke waren im Abstieg absolut hilfreich. Der weitere Weg zurück nach El Chalten war einfach nur schön, mit atemberaubenden Aussichten auf das Massiv und die Hochebene mit den dahinterliegenden Bergketten.

Für den dritten und letzten Tag hatten wir uns die Tour zum „Loma del Pliegue Tumbado“ vorgenommen. Der einzige Trail, an dessen Ende wir eine großartige Panorama-Aussicht auf den gesamten Nationalpark mit Cerro Torre und Cerro Fitz Roy haben sollten. Der sich langsam in die Höhe windende Pfad war sehr spärlich begangen und so hatten wir viel Zeit, die Natur zu genießen. Und wieder schönstes Sommerwetter mit wenig Wind, was den Aufstieg zum Gipfel deutlich erleichterte. Im Vorfeld wurden wir gewarnt, diesen Aussichtspunkt nicht bei böigem Wind in Angriff zu nehmen. Die Starkwindböen können so stark sein, dass selbst Gehen unmöglich wird.

Wie versprochen, war von oben das Panorama grandios, unbeschreiblich schön, gewaltig, beeindruckend. In einer windgeschützten Steinnische fanden wir einen Platz, um das Ganze auf uns wirken zu lassen. In Erwartung des 4-stündigen Rückwegs mussten wir uns schließlich regelrecht losreißen und den Abstieg beginnen.

Als besondere Überraschung trafen wir kurz vor El Chalten auf ein Condor-Pärchen, das sich auf den naheliegenden Felsen niedergelassen hatte. Augenscheinlich wollten sie in El Chalten auf Nahrungssuche gehen.

Zurück im Dorf, genossen wir unser Abendessen auf einer Bank im Ort in der Abendsonne mit Blick auf die Berge. Wir waren glücklich über die drei gelungenen Wandertage bei hervorragendem Wetter. Leider war für den nächsten Tag schon der Rückflug nach Buenos Aires gebucht. So trösteten wir uns mit dem Großmutter-Spruch über den Abschied hinweg: „Wenn es am schönsten ist, soll man aufhören.“

Laguna Los Tres, Massiv Cerro Fitz Roy, PN Los Glaciares, El Chalten, Patagonien, Argentinien

Laguna Los Tres, Massiv Cerro Fitz Roy, PN Los Glaciares, El Chalten, Patagonien, Argentinien

das sind sie: Cerro Torre und Cerro Fitz Roy, PN Los Glaciares, El Chalten, Patagonien, Argentinien

das sind sie: Cerro Torre und Cerro Fitz Roy, PN Los Glaciares, El Chalten, Patagonien, Argentinien

Fitz Roy lässt grüßen, El Chalten, Patagonien, Argentinien

Fitz Roy lässt grüßen, El Chalten, Patagonien, Argentinien

Massiv Cerro Fitz Roy, PN Los Glaciares, El Chalten, Patagonien, Argentinien

Massiv Cerro Fitz Roy, PN Los Glaciares, El Chalten, Patagonien, Argentinien

El Chalten, Patagonien, Argentinien

El Chalten, Patagonien, Argentinien

über 3000 m pure Herausforderung, Cerro Torre, PN Los Glaciares, El Chalten, Patagonien, Argentinien

über 2000 m pure Herausforderung, Cerro Torre, PN Los Glaciares, El Chalten, Patagonien, Argentinien

 

mehr Bilder …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

5 × vier =