Kakteen und Pinguine

La Serena, Reserva Nacional Pingüino Humboldt, Dezember 2015

Ein weiterer Nachtbus bringt uns von Calama im Norden nach La Serena, ca. sieben Stunden nördlich von Santiago de Chile.

La Serena ist Chiles zweitälteste Stadt, deren koloniales Flair durch den Präsidenten Gabriel Gonzales Videla „nachträglich installiert“ wurde. Er ließ das in bewährtem Schachbrett-Layout angelegte Zentrum Mitte letzten Jahrhunderts durch eine Vielzahl pseudo-kolonialer Bauten verschönern, die sich um die Plaza de Armas und in den angrenzenden Straßen gruppieren. Ein nettes Ambiente – und schon ist das Wesentliche über La Serena gesagt. Die Stadt verfügt auch über einen langen Strandabschnitt, der leider jeden Charme vermissen lässt. Nur eine Ansammlung von grauen Betonhochbauten findet man hier.

Als Zwischenstopp einer langen Busreise und für Ausflüge ins Elqui Valley, sowie zur Reserva Nacional Pingüino de Humboldt ist La Serena jedoch bestens geeignet. Das Elqui Valley haben wir aus Wetter- und Zeitgründen leider nicht besucht. Es ist das Zentrum der chilenischen Pisco Produktion, bietet hervorragende Möglichkeiten zur Sternenbeobachtung und vereint darüber hinaus die Anhänger verschiedenster esoterischer Schulen und Anschauungen, die auch gern neue Jünger anwerben.

Etwa zwei Fahrtstunden nördlich von La Serena liegt die Reserva Nacional Pingüino de Humboldt. Für ein bis zwei Personen ist die Teilnahme an einer der organisierten Tagestouren die preisgünstigste Variante zum Besuch des Nationalparks. Für mehrere Personen kann ein Mietwagen die bessere Alternative sein.

Unterwegs passieren wir halbwüstenähnliche Gebiete, bewachsen mit endemischen Kakteen, Copao genannt. Die Früchte dieser Kakteen werden zu lokalen Delikatessen verarbeitet, wie Saft, Eis, Gelee, etc. Sie sind aufgrund ihres sauren Geschmacks sehr begehrt. Allerdings lassen sich die Pflanzen nicht kultivieren und sie brauchen 200 – 300 Jahre, ehe sie die ersten Früchte tragen. Dann allerdings öfter, wenn auch in unregelmäßigen Abständen. So bleibt das sehr leckere Copao-Eis halt immer etwas Besonderes.

Etwas Besonderes sind auch die Guanacos, die in kleinen Herden durch die karge Landschaft ziehen. Die anmutigen Tiere bewegen sich ohne Scheu, aber mit respektvollem Abstand zu uns. Vicunas und Guanacos sind die beiden wilden Arten der in Südamerika heimischen Kamele.

Kernstück und Hauptattraktion des Ausflugs ist die ca. zwei- bis dreistündige Bootsfahrt zu den vorgelagerten Inseln in der Bucht. Diese kann man auch direkt bei den Bootsführern am Pier buchen.

Seit ungefähr 25 Jahren wird die Bucht von einer Delphin-Schule bevölkert. Die neugierigen Tiere begleiten oft die Boote und demonstrieren ihre Geschicklichkeit im Wasser. Allerdings nicht heute!! Schuld ist wieder mal El Nino, wie unsere Begleiterin Anjelica erklärt. Der „Kleine“ hat das Wasser des Humboldtstroms erwärmt, sodass die gewöhnliche Beute der Delphine andere Reviere angesteuert hat. Somit mussten die Delphine wohl oder über folgen, wenn sie nicht verhungern wollten. Also keine Delphine derzeit. Aus demselben Grund auch keine Wale. Sie halten sich auf ihrer Reise entlang der Pazifikküste von den Brutrevieren im Norden zu den Gründen im Süden und umgekehrt gern mal für ein paar Tage in der Bucht auf, um sich am nährstoffreichen Plankton zu laben.

Nichtsdestotrotz, die Bootsfahrt lohnt. Aus fotografischen Gründen habe ich auf einen Platz ganz vorn im Boot spekuliert. Und die Spekulation ging auch problemlos auf. Warum, das bemerke ich, nachdem wir den Schutz der Pier verlassen haben. Es weht eine steife Brise und erzeugt einen Wellengang, der das flache Boot wie eine Frisbee-Scheibe kränken lässt. Unser Käpt’n versucht die Wellen zu schneiden, was den Bug mal drei Meter nach oben und dann drei Meter ins nächste Wellental befördert.

Ab Reihe zwei werden schützende Planen an steuerbord nach oben gezogen, um die schlimmsten Duschen abzufangen. Reihe 1? Wollte keiner außer mir haben. Woher haben die anderen das gewusst?

Dankend raffe ich eine (zweifelhafte) Plastikplane, die mir vom Hilfsmatrosen mit einem leichten Lächeln gereicht wird, um mich und die Kamera. Tja, Improvisation ist alles. Nun gilt es nur noch, auf dem Sitz zu bleiben, da Festhalten nicht mehr möglich ist.

Nach einer Dreiviertelstunde erreichen wir die Isla Choros und im Windschatten wird es etwas ruhiger. Unser Bootsführer steuert dicht an die schroffen Klippen heran. Und hier sind sie. Seelöwen verschiedener Größe und Farbe liegen auf den Felsen und lassen sich von der Sonne trocknen. Drei Dinge bestimmen das Leben eines Seelöwen, wie unser Guide erklärt: Fressen, Schlafen und Sex.

Ein Männchen „betreut“ bis zu 15 Weibchen. Solange der Patriarch die Macht dazu hat, müssen die jungen Seelöwen als potentielle Rivalen ab einem bestimmten Alter die Gruppe verlassen. Naturbedingt wendet sich irgendwann das Blatt. So sehen wir immer mal das Imponiergehabe und beginnende Revierkämpfe.

Zwei Buchten weiter finden sich alle drei heimischen Kormoran-Arten, mal nach Lagern getrennt, an einem Platz auch friedlich nebeneinander.

Die Humboldt-Pinguine sind eher Einzelgänger. Alle paar Meter stehen mal eine oder zwei bis drei der kleinen Gestalten am Ufer, durch die schiefergraue Rückenfärbung perfekt an die Umgebung angepasst. Die kleinen Kerle, ca. 40 cm hoch, waren schon ernsthaft vom Aussterben bedroht. Die Einrichtung der Reserva Nacional hat den Bestand wieder etwas anwachsen lassen.

Schwierig vorstellbar ist, dass die Pinguine jeden Tag den ca. 20 m hohen Steilhang zwischen ihren Brutplätzen auf dem Inselplateau und der Wasserlinie bewältigen, wenn man sieht, wie tollpatschig sie sich an Land bewegen.

Schließlich fahren wir weiter zur Insel Damas, Heimat und Brutplatz verschiedener seltener Möwenarten. Hier ist eine einstündige Insel-Erkundung möglich. Neben hautnahem Möwen-Kontakt – auf Essbares und leichte Gegenstände aufpassen – bieten sich von der höchsten Erhebung hervorragende Ausblicke auf die Isla Choros und das Festland.

Die Rückfahrt ließ sich ähnlich an, wie die Hinfahrt, erste Reihe und Plastikplane. Nur dass mein Duschplatz nun unter Dauerbeschuss lag. Nach wenigen Minuten kommt unser Guide mit dem Vorschlag, mit den anderen Mitgliedern der Crew im Heck zu stehen. Da gibt es keine langen Überlegungen. Ca. 30 Minuten schwankende, gischtende Fahrt bringt uns zurück zur Pier.

Auf der Rückfahrt ein Lunch-Stopp mit fangfrischem Fisch und am späten Nachmittag sind wir zurück in La Serena.

Kein Ausflug für Leute, die leicht seekrank werden, aber auf jeden Fall ein lohnendes Erlebnis.

 

 

El Zorrito, unterwegs von La Serena zur Reserva Nacional Pingüino de Humboldt

El Zorrito, unterwegs von La Serena zur Reserva Nacional Pingüino de Humboldt

nachbarschaftlicher Plausch, Isla Choros, Reserva Nacional Pingüino de Humboldt, Chile

nachbarschaftlicher Plausch, Isla Choros, Reserva Nacional Pingüino de Humboldt, Chile

wachsam, Isla Choros, Reserva Nacional Pingüino de Humboldt, Chile

wachsam, Isla Choros, Reserva Nacional Pingüino de Humboldt, Chile

prüfender Blick - Freund oder Feind? Isla Choros, Reserva Nacional Pingüino de Humboldt, Chile

prüfender Blick – Freund oder Feind? Isla Choros, Reserva Nacional Pingüino de Humboldt, Chile

zu ungewohnter Zeit wach, unterwegs von La Serena zur Reserva Nacional Pingüino de Humboldt, Chile

zu ungewohnter Zeit wach, unterwegs von La Serena zur Reserva Nacional Pingüino de Humboldt, Chile

morbider Charme am Beach, La Serena, Chile

morbider Charme am Beach, La Serena, Chile

pseudo-koloniale Architektur im Stadtzentrum, La Serena, Chile

pseudo-koloniale Architektur im Stadtzentrum, La Serena, Chile

 

mehr Bilder …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

1 × 1 =